Wanderrudern & Reisen

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Von Buckelmasuren nach Weißrussland und Litauen

 

Einen Buckel haben manche Leute auf dem Rücken, andere nennen so eine Erhebung in der Landschaft, meinen also einen Hügel. Wenn es sich um eine Moränenlandschaft mit zahlreichen Erhebungen handelt, so kann man von einer Buckelpiste oder von einer Buckellandschaft sprechen. Der hintere, östliche Teil Masurens in Polen wird als „Buckelmasuren“ bezeichnet. Gemeint ist damit, dass sich nur wenige ebene Flächen dort befinden. Vielmehr ist die Landschaft stark gegliedert, in den Tälern gibt es erfreulicherweise viele Seen, auf denen und in denen sich Wassersport geradezu anbietet, und auf den Buckeln gibt es einige Waldstücke. Die Straßen folgen den unterschiedlichen Höhenlinien in einem ständigen Auf und Ab.

In der Umgebung des Kurortes Augustow befinden sich eine Anzahl Seen, besser gesagt: Augustow ist geradezu von Seen eingefasst. Bei der Stadtdurchfahrt sind eine große Anzahl Wasserwege zu erkennen und müssen über Brücken passiert werden. Diese Seen in der Umgebung sind untereinander seit fast zwei Jahrhundert durch einen Kanal verbunden, der einst für die Schiffstransporte Richtung Ostsee gedacht war. Er soll aber heutzutage den Wassertourismus fördern, weil dieser frühere Plan, mit einem solchen Wasserweg das vormals deutsche Ostpreussen zu umgehen und den hohen Zöllen auszuweichen, schon lange ad acta gelegt werden konnte. Südlich von Augustow schafft der Kanal übrigens eine Verbindung zum Fluss Bierbza und weiter zur Narew.

Der Kanal reicht bis zur Stadt Grodno

Östlich von Augustow ist es möglich, durch verschiedene Seen in reizvoller Landschaft zu fahren, die dann von Kanalstrecken abgelöst werden. Die in den vergangenen Jahren renovierten Schleusen erhalten den Wasserstand. Nach fast fünfzig Kilometern übernimmt dann der Kanal das Flussbett der Czarna Hancza und führt den Wasserlauf zur polnisch-weißrussischen Grenze. Der Augustow-Kanal erreicht schließlich nach weiteren 20 Kilometern und über drei Schleusen abwärts geführt den Lauf der Memel unterhalb der Großstadt Grodno.

Das Kanalrevier wird im östlichen Abschnitt zurzeit hauptsächlich von Kanugruppen genutzt und gelegentlich touristisch von einem Ausflugsdampfer. Ruderer sind bislang wenig auf diesem Wasserweg unterwegs, auch wenn sonst die polnischen Flüsse, Seen und Kanäle sich einer großen Beliebtheit bei den deutschen Wanderruderern erfreuen. Aber dies liegt zweifelsohne auch an der langen Anfahrtstrecke – das Land Polen muss von Deutschland aus ja fast komplett durchquert werden - und es liegt an der Grenzpassage. Nachdem die Schleusen des insgesamt rund 100 Kilometer langen Kanals sowohl in Polen als auch in Weißrussland renoviert worden sind, haben beide Länder Vereinbarungen getroffen, um den Wassertourismus attraktiver und den Grenzübertritt einfacher zu machen. Es gibt für mehrere Tage einen visumfreien Aufenthalt in Belorus und natürlich im Internet auch gezielte Werbung für diesen Wasserweg. Der Wassertourismus in Polen ist entlang der Kanals gesteigert worden und wird wohl auch in Weißrussland gesteigert werden können. Die Passage auf dem Wasserweg ist wohl nicht problematisch, jedoch die Grenzkontrollen für den Landdienst mit Bootsanhängern dauern in Belorus viel zu lange.

Die Memel ist weitgehend unreguliert

Man möchte auch erreichen, dass sich der Motorboottourismus wie in der polnischen Region „Buckelmasurens“ verbreitet, aber die Memel/der Neman ist auf diesem Abschnitt ein unregulierter Fluss. Der Wasserstand mit ausreichender Tiefe für Motorboote ist in Weißrussland und besonders dann im weiter nördlich anschließenden Land Litauen nicht garantiert. Die Memel, der Vater aller Flüsse, ist naturbelassen, ohne Schleusen bis zum Kaunasser Meer freifließend. Von Druskininkai bis Birstonas fahren keine Motorboote – mit Ausnahme eines Fahrgastschiffes, welches Besucher ab Druskininkai bis zum 10 km entfernten Kloster Liskiava hin und zurück bringt. Steuerleute in Ruderbooten müssen dem Stromstrich folgen und auf Sandbänke achten, die je nach Wasserstand immer mal auftauchen, besonders wenn das Flussbett sich erweitert liegen sie auch mitten im Strom.

Diese Region des „Buckelmasurens“ ist touristisch wenig erschlossen und wer ruhige Reviere sucht, sollte sich nicht von der Entfernung schrecken lassen und einen Versuch wagen. Rund um Augustow sind natürlich in der Saison Wasserfahrzeuge, Segler und Motorboote unterwegs. Die Stadt hat nicht nur als Kurort einen Namen, sondern auch als Wasserkreuz. Im Sommer sind dort mehr oder weniger regelmäßig geführte Kanugruppen auf dem Wasser. Es gibt Campingplätze und Caravanplätze und einige Gästehäuser entlang der Kanalstrecke. Also ist auch für Unterkünfte und Verpflegung je nach Wunsch gesorgt.

Die Infrastruktur Polens hat sich seit Jahrzehnten enorm verbessert. Die Autobahnen sind von der deutschen Grenze bis hinter Warschau und noch weiter bis Bialystok ausgebaut worden, um der steigenden Motorisierung gerecht zu werden und um den Transitverkehr ins Baltikum und nach Weißrussland aufzunehmen. Gerade in Masuren sind Straßenzüge erneuert und erweitert worden, Städte durch Umgehungsstraßen weitgehend vom Durchgangsverkehr befreit worden. Einen Flughafen für eilige Ruderer gibt es seit einigen Jahren in der Nähe von Allenstein.

Erkundungsreise musste verschoben werden

Eine Gruppe aus dem Spree-Ruder-Club Köpenick und sieben Berliner und zwei Brandenburger Rudervereinen hatte diese Fahrt auf dem Augustow-Kanal und dann die Memel aufwärts geplant und gründlich vorbereitet. Noch Ende Februar/Anfang März dieses Jahres fand eine zweite Erkundung entlang der Fahrtstrecke durch den ideenreichen Fahrtenleiter vom SRC Köpenick und seinen Vizefahrtenleiter vom BRC Aegir statt. Alles schien machbar und auch die Zeitplanung mit neun Tagen für diese interessante Neuwasserstrecke mit zwei Kulturtagen sah perfekt aus. Hotels und Pensionen waren gebucht, Mahlzeiten vorbereitet. In der zweiten Maiwoche sollte die Fahrt in drei Doppelvierern und einem Doppelzweier in Polen starten, aber dann kam die Coronakrise, es erfolgte die Schließung der Grenzen und es blieb diesmal nur die Absage. Der Fahrtenleiter und die Fahrtengruppe bleiben aber optimistisch und wollen dies Projekt im Frühjahr 2021 erneut angehen.  

Hans-Heinrich Busse

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