Vereine & Verbände

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100 Jahre Ruderverein Blankenstein

Rudern mit Familienanschluss

Der kleine Verein an der Ruhr ist ein Idyll, zu dem alle Mitglieder etwas beitragen.

Seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts blickt die Burg Blankenstein in Hattingen aus großer Höhe über die Ruhr. Beste Aussicht für die Burgherren, die sich dort niederließen, nahende Feinde im Tal rechtzeitig zu erkennen. Weiter unten, direkt am Wasser, ließ sich mit der Kraft des Wassers Korn mahlen, und im aufkeimenden Zeitalter der Stahlindustrie wurde diese Mühle aufgrund ihrer guten Lage direkt an der vorbeiführenden Eisenbahn zu einem Stahl- und Hammerwerk umgewandelt: Der Halbach-Hammer entstand.

Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen die Werke leer. Eine gute Gelegenheit, sie anderweitig zu nutzen, und nachdem bereits 1913 der „Jungdeutsche Orden“ sich mit zwei Booten dort sportlich betätigte, gründeten sie vor 100 Jahren nach einer dem ersten Weltkrieg geschuldeten Verzögerung unter Vorsitz von Wilhelm Wollmann mit knapp 30 Mitgliedern den RV Blankenstein. Zwei Jahre später wurde der Verein in den Deutschen Ruderverband aufgenommen. Es folgten einige Rückschläge: Eine Sprengung an der Ruhrtalbahn beschädigte die Gebäude und das Bootsmaterial schwer, französische Besetzer verboten den Ruderbetrieb, weil die Ruhr als Zollgrenze genutzt wurde, und im Jahr 1929 stürzte gar der ganze Bootsschuppen ein. Viel Enthusiasmus war nötig, um den Ruderbetrieb wiederaufzubauen, den der zweite Weltkrieg komplett zunichtemachte. Erneut wurde die wiederaufgebaute Bootshalle schwer beschädigt, ein Großteil der Mitglieder kehrte nicht heim oder befand sich in Gefangenschaft, alle Boote waren vernichtet.

Es ging zum Glück schnell wieder aufwärts. Durch die Hilfe befreundeter Vereine und mit dem eigenen Optimismus zählte der Verein vor 70 Jahren bereits wieder 100 Mitglieder und nahm an Regatten teil. Allerdings mussten die Blankensteiner auf eine Goldmedaille lange warten, denn erst 1974 wurde Hennings Sandmann Deutscher Meister im Großboot, damals als „Leihgabe“ an den RV Emscher. Renngemeinschaften waren damals auf Meisterschaften nicht zugelassen. Christian Warlich holte im Leichtgewichts-Einer im Jahr 1980 eine goldene WM-Medaille aus dem belgischen Hazewinkel an die Ruhr. Der wohl bekannteste und erfolgreichste Blankensteiner im internationalen Rudergeschehen ist aber wohl Armin Eichholz. Er errang mit dem Deutschlandachter Gold in Seoul, wurde im gesteuerten Vierer in Wien 1991 Weltmeister und errang 1992 in Barcelona gleich noch einmal eine olympische Medaille, diesmal Bronze. Bis 2014 ging der Rennbetrieb weiter, im Jahr 2008 zählte man den 1.500sten Sieg auf einer DRV-Regatta. Am erfolgreichsten ist in der ewigen Statistik des Vereins dabei immer noch Christian Warlich, der allein 125 Masters-Siege einfuhr.

Es geht nur 600 Meter geradeaus

Jedoch ist der RV Blankenstein kein typischer Leistungssport-Club. Dazu – es mag paradox klingen – liegt er deutlich zu idyllisch. Direkt an einer Ruhr-Staustufe, das Wasser fließt gegenüber des Bootshauses in den unteren Flusslauf, oberhalb gibt es einige enge Kurven und kaum Platz für Training, denn gerade einmal 600 Meter geht es maximal geradeaus. Schon zwei Kilometer aufwärts muss umgetragen werden. Dort geht es auf den Kemnader See, der entsprechenden Platz bietet. Das alte Haus des Stahlhammers, das als Vereinsheim dient, befindet sich direkt an der Bahnstrecke des Eisenbahnmuseums Bochum, sodass man sich manchmal in ein anderes Jahrhundert versetzt sieht, als noch alte Dampfzüge oder Dieseltriebwagen durch den Wald ratterten. Der steile Weg hinab vom Marktplatz durch den Wald ist ein Erlebnis für Naturfreunde, aber auch für Fahrer von Autos mit Bootsanhängern – das letzte Stück geht es, wenn überhaupt in Angriff genommen, nur noch rückwärts hinunter.

Kurz: Man kommt eigentlich nicht zufällig vorbei, sondern muss hinwollen zu den fleißigen Ruderern, die sich in ihrer Freizeit ein kleines Paradies bauen. Der RV Blankenstein ist darum schon immer ein Familienverein, der von einer Generation zur nächsten „übergeben“ wird. Wie das in Familien so ist: Es gibt viele Berufe und Gewerke, man kann fast alles selbst richten und erneuern, um es sich hübsch zu machen. So spielen am Vereinsgelände die Kinder auf dem Spielplatz, während die Eltern Kaffee trinken und klönen. Gerudert wird auch – aber nicht so viel. Die 37 Boote (plus eine Barke auf dem Bauernhof eines Clubmitglieds) haben derzeit oft lange Liegezeiten im Schuppen. Georg Hellinger amtet als Vorsitzender und erzählt, dass es im letzten Jahr etwa 7.000 Kilometer waren, die von den rund 160 Mitgliedern insgesamt zurückgelegt wurden, davon kommen etwa 3.000 auf eine Person. Viele sind lieber einfach am Verein und genießen die Gemeinschaft. Wanderfahrten gibt es noch, aber seit Hellinger beruflich bedingt 2014 seinen Trainerposten aufgeben musste, sind die Jugendlichen abgewandert, der Trainingsbetrieb steht still. Und das, obwohl es für den Renn- und Trainingsbetrieb immerhin 9 Einer, 5 Kinderskiffs, 2 Doppelzweier und je einen Zweier ohne und einen Doppelvierer gibt, dazu einen Trainer-Katamaran.

Seit 1990 wird das Clubhaus renoviert

Zum Jubiläum 2020 wurde extra noch einmal groß renoviert. Hellingers Vorgänger Dirk Brockhaus war selbst in dritter Generation Vereinsvorstand. Das jetzige Ehrenmitglied hat sich mit Rieseneifer selbst und mit anderen auf die nötigen Arbeiten gestürzt; bereits seit 1990 hat er sich darum gekümmert, dass das Vereinsheim innen neugestaltet und das Dach neu gedeckt wurde. Der neue Wasser- und Stromanschluss ist ebenfalls unter seiner Federführung entstanden. Jetzt sind nur noch „Kleinigkeiten“ wie weitere neue Anstriche am großen Flaggenmast vor dem Haus zu erledigen. Es gibt eben immer etwas zu tun. Das alles geschah, bevor Corona für den Stillstand des Vereinslebens sorgte. Auch die große Jubelfeier der Ruderer zusammen mit den umliegenden Vereinen ist dadurch verhindert worden. Doch es wir nachgefeiert an der Ruhr – so viel ist gewiss. Wenn es wieder geht, gibt es halt die 101-Jahre-Party.

Ideale Bedingungen zum Kentern

Bis dahin und für die kommenden Jahre haben die Blankensteiner noch einiges vor. Weil der Altersdurchschnitt der Mitglieder mittlerweile etwa bei 50 Jahren liegt, wollen sie junge Familien oder Jugendliche gewinnen, die in die traditionellen Fußstapfen durch den Wald ans Wasser treten und das Rudern wieder intensiver betreiben. Zumal es gerade für die Ausbildung ein ideales Revier ist, denn wenn man im Einer hineinfällt, kann man im hüfthohen Wasser gleich wieder einsteigen. Ein nagelneuer Gig-Dreier freut sich auf Wanderfahrer. Sechs Wanderfahrten im Jahr, von der Tagestour auf der Ruhr bis zu den bekannten deutschen Wanderrudergewässern oder bis zur Donau, stehen für Anfänger, Fortgeschrittene und Erfahrene auf dem Programm. Und gerne soll nach den früheren Erfolgen auch wieder eine kleine Trainingsgruppe installiert werden.

Wer sich also Zeit nimmt, mit der Familie wochenends nicht einfach schnell an der Burg Blankenstein auf der anderen Ruhrseite auf dem Fahrradweg vorbeizufahren, sondern nach der Besichtigung der Burg am Marktplatz bei der tollen Eisdiele Wegzehrung aufnimmt und sich durch den schönen Wald abwärts in Richtung Museumsbahnübergang auf den Weg macht, der entdeckt vielleicht nicht nur diesen wunderschönen Fleck, sondern auch neue Freunde und ein Zuhause für seine sportliche Freizeit. Im RV-Blankenstein, dem Verein mit Familientradition.

 

Michael Hein


                

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