Ruderhelden & Historie

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Die Geschichte hinter dem DRV-Wanderruderpreis

„Der Winsauer“

Wenn für das Jahr 2020 abermals der DRV-Preis für die besten Leistungen auf dem Gebiet des Fahrten- und Wanderruderns ausgeschrieben wird,  - was momentan aufgrund der Corona-Pandemie noch nicht feststeht - wird dies ein Jubiläum sein: Zum 50. Mal nämlich wird ein derartiger Preis ausgelobt. Offiziell trägt er den Namen „Wanderruderpreis des DRV in Erinnerung an Georg Winsauer“, unter Kennern heißt er aber nur „der Winsauer“.

Wer nach dem Namensgeber forscht, findet in einschlägigen Suchmaschinen wenig Erhellendes. In Vereinszeitschriften wird Georg Winsauer bisweilen als „Wanderruderpapst der 50er Jahre“ bezeichnet, in anderen wird er zum „Erfinder“ des Preises ernannt. Das ist indes nicht (ganz) korrekt.

Georg Winsauer, geboren 1905 in Regensburg, war 1928 dem Ruder- und Tennisklub seiner Heimatstadt (RRTK) beigetreten. In einer Vereinschronik wird er noch 1950 als Steuermann eines Jungmann-Vierers aufgeführt, der in Starnberg den ersten Nachkriegssieg des RRTK erruderte. Im gleichen Jahr in den Vorstand gewählt übernahm er – von Beruf Verlagskaufmann – 1952 bis 1958 den Vorsitz der Ruderabteilung, wurde 1955 DRV-Schiedsrichter und stand ab 1958 dem Donau-Regatta-Verband vor. Seiner tatkräftigen Initiative war aber auch die erste DRV-Wanderfahrt nach dem Kriege zu verdanken, die 1956 auf der Donau von Regensburg nach Wien führte. Überhaupt verschrieb sich Winsauer dem Wanderrudern und bemühte sich um dessen Aufwertung. 1958 rief er die erste Umfrage unter den DRV-Vereinen ins Leben, aus der die Statistik Wander- und Fahrtenrudern hervorging, die seither alljährlich im „Rudersport“ veröffentlicht wird. Nur folgerichtig war, dass Georg Winsauer 1962 in den Verbandsausschuss des DRV, das heutige Präsidium, berufen wurde und fortan den Ausschuss Wanderrudern leitete. In seine Amtszeit fielen sowohl das erste DRV-Wanderrudertreffen 1966 in Minden als auch die von ihm angeregte erste Altherren-Wanderfahrt auf der Mosel im selben Jahr. Für 1969 bereitete Winsauer eine internationale Wanderfahrt auf dem Main vor, eine Vorläuferin der heutigen FISA-Wanderfahrten. Leider sollte er die Fahrt nicht mehr erleben: Noch im Januar hatte er sich im „Rudersport“ gewünscht, dass „auch 1969 wieder ein Jahr des Wanderrudersports“ werden möge, doch schon im Februar 1969 erlag Georg Winsauer in Heilbronn, wo der Verbandsausschuss gerade tagte, einem Herzinfarkt.

Dr. Claus Heß, damals DRV-Vorsitzender, würdigte den Verstorbenen als „nimmermüden Streiter um einen Ausgleich zwischen Leistungssport und Breitenarbeit“. Manfred Ganzer, schon zu Winsauers Lebzeiten als dessen „rechte Hand“ bezeichnet, erinnerte sich in einem Nachruf: „… in seinem geradlinigen, offenen und liberalen Wesen sahen viele ein Vorbild.“ Ganzer, zuvor Referent für Auslandswanderfahrten, trat denn auch 1970 die Nachfolge Winsauers als Ausschussvorsitzender an. Er konnte sich nicht nur auf die Vorarbeit des Verstorbenen stützen, sondern auch auf dessen engste Mitarbeiter: Sohn Dieter Winsauer und Tochter Gaby Hecht führten die von ihrem Vater begonnene Arbeit fort. Gaby Hecht, von Beginn an mit der Auswertung der Wanderruderstatistik beschäftigt, übernahm für Jahrzehnte – noch vor dem Computerzeitalter – auch die Wettbewerbsauswertung.

Zinnteller, Wetterfahne oder Windrose?

Und der „Winsauer-Preis“? 35 „alte Herren“, die sich im Herbst 1969 zur Wanderfahrt auf dem Neckar trafen, wurden von ihrem Mitruderer Franz Schmitgen aus Frankenthal zu einer Georg-Winsauer-Treue-Spende aufgerufen. Die Sammlung ergab auf Anhieb 662 DM. Ganz im Sinne des Namensgebers sollte das Geld verwendet werden, um erstmals die beste Vereinsleistung auf dem Gebiet des Fahrten- und Wanderruderns zu würdigen. Diskutiert wurde längere Zeit um die Form eines Wanderpreises. Ein Zinnteller war im Gespräch, eine Wetterfahne, auch ein Kunststoff-Vierer als Wanderpreis. Der Ausschuss entschied sich in Abstimmung mit den Stiftern schließlich für eine Trophäe, die der Kölner Bildhauer und Ruderer Willy Neffgen entworfen hatte: Die Mitte einer Blauschieferplatte zierte eine aus Silber getriebene Windrose, umgeben von stilisierten Skulls und Riemen. 1971 beim Wanderrudertreffen in Regensburg übergab Karl Fuchs namens der „alten Herren“ den von ihnen gestifteten Georg-Winsauer-Gedächtnispreis an den DRV, der zuvor die erste Ausschreibung veröffentlicht hatte.

Eine Einteilung in Gruppen je nach Vereinsgröße gab es zunächst noch nicht. Die Formel zur Errechnung der jeweiligen Punktzahl berücksichtigte jedoch die Mitgliederzahl ebenso wie die Wanderfahrtenkilometer und die Zahl der Fahrtenabzeichen. Allerdings gab es schon vor der ersten Vergabe des Preises Kritik am gewählten Modus, weil – wie Jürgen Kohlheim aus Bonn im „Rudersport“ anmerkte – die Wertungsformel große Vereine bevorzuge, da sie für die gleiche Punktzahl eine proportional geringere Kilometerleistung als die „Kleinen“ erbringen müssten. Ungeachtet dessen wurde der Preis beim Wanderrudertreffen in Aschaffenburg 1972 erstmals vergeben. 104 Vereine hatten sich im Jahr 1971 an diesem Wettbewerb beteiligt. Erster Gewinner war „mit enormer Steigerung in der Wanderruderstatistik“ und großem Punktvorsprung die Rudervereinigung Hellas-Titania Berlin. Von 219 Mitgliedern hatten 49 das Fahrtenabzeichen erworben, zusammen hatten sie 65.975 Kilometer auf Wanderfahrten zurückgelegt. Chefstatistiker Dieter Winsauer stellte fest: „Es ist nicht mehr zu verheimlichen, dass Hellas Titania Berlin d e r Wanderruderverein des Deutschen Ruderverbandes ist.“

Auf Hellas folgte Germania als Titelfavorit

Der Zweitplatzierte Bonner RV von 1882 wollte das offenbar nicht kampflos hinnehmen, denn im folgenden Jahr jagten die Ruderer vom Rhein den Berlinern von der Scharfen Lanke die Trophäe ab, mussten sie allerdings schon im Jahr darauf wieder zurückgeben. Hellas-Titania gewann auch in den Jahren 1973 bis 1976: Der Verein hatte den Georg-Winsauer-Gedächtnispreis damit zum fünften Male erobert und laut Ausschreibung endgültig in seinen Besitz gebracht. Noch heute schmückt er eine Vitrine im Hellas-Bootshaus.

Damit wäre die Geschichte des Wettbewerbs eigentlich beendet gewesen. Doch Dieter Winsauer konstatierte im „Rudersport“ ein „sehr reges“ Interesse. 1976 hatten sich immerhin schon 154 Vereine beteiligt. „Es scheint sicher, dass der Wettbewerb in irgendeiner Art fortgeführt werden muss“, schrieb er 1977, „sicher wird dann auch der Bewertungsmodus etwas geändert werden müssen.“ Manfred Ganzer erinnert sich heftiger Debatten im zuständigen Ausschuss und mit den Landesruderwarten. Um den Vorwurf der Bevorzugung von Großvereinen auszuräumen, wurden die Vereine je nach Mitgliederzahl zunächst in drei Gruppen eingeteilt (bis 100, bis 200 und über 200 Mitglieder). Zudem wurde in die Formel zur Punkteberechnung ein vom Mathematiker Dr. Gerhard Siebrasse (Eschweger RV) konzipierter Korrekturfaktor einbezogen, um die Rolle nichtrudernder Vereinsmitglieder auszugleichen.

Unberührt davon wahrte Hellas-Titania zunächst seine Dominanz unter den Großvereinen und eroberte auch den neuen Preis – ebenfalls von Willy Neffgen entworfen – nach fünfmaligem Gewinn endgültig. Erst danach begann die „Ära“ des RC Germania Düsseldorf. In den anderen Gruppen durften der Club für Wassersport Köln, der Berliner RC Hevella und der WSV Rinteln nach jeweils fünf Siegen (nicht notwendig in Folge) eine der Trophäen behalten.

Nach dem Anschluss der vormaligen DRSV-Vereine an den bundesdeutschen DRV wurde die Gruppe der kleinen Vereine noch einmal geteilt (bis 60 und bis 100), so dass es fortan vier Preisgruppen gab. (Dazu wurde ab 2007 ein fünfter Preis für Schülerruderriegen vergeben.) Beim ersten gesamtdeutschen Wettbewerb 1991 registrierte Gaby Hecht erstmals 200 Teilnehmervereine. Diskussionen über den Wertungsmodus gab es indes immer wieder. Ab 2008 wurden daher die Gruppeneinteilung und die Punktzahlberechnung abermals korrigiert, so dass jetzt nur noch die tatsächlich aktiven Vereinsmitglieder, sofern sie mindestens einen Kilometer gerudert haben, in die Berechnung eingehen. Dafür entfiel der Korrekturfaktor.

Bei aller Problematik, die eine Summierung der Siege birgt – begonnen wurde schließlich mit nur einem Preis, inzwischen gibt es fünf – mag folgende Aufstellung interessant sein: Auf 24 Gewinne zwischen 1996 und 2018 kann die Ruderabteilung von Pro Sport Berlin 24 (ehemals Post SV Berlin) verweisen. In der Statistik folgen der Ruderclub Germania Düsseldorf mit 15 Siegen, die Rudervereinigung Hellas-Titania Berlin mit 12 und der RTHC Bayer Leverkusen, der Bonner RV 1882 und der RC Kleinmachnow-Stahnsdorf-Teltow mit jeweils 11 Siegen. Jeweils zehnmal gewannen in ihrer jeweiligen Gruppe der Club für Wassersport Porz, der RC Turbine Grünau und der WSV Rinteln. Es folgen der Berliner RC Hevella (9), der Kölner ClfW 1907 (8), die Albis Colonia RG Meißen (6) und die SG Diepholz (5). Insgesamt gewannen 26 Vereine und sechs Schülerruderriegen ein- oder mehrmals den DRV-Wanderruderpreis.

Debatten über diesen Wettbewerb und seinen Austragungsmodus wird es sicherlich auch künftig geben, zumal wahrscheinlich in allen Vereinen Mitglieder gibt, die sich um keinen Wettbewerb scheren, sondern ihren Sport einfach aus Freude an der Bewegung in der Natur betreiben. „Und das ist auch gut so“, um ein geflügeltes Wort zu benutzen. Dennoch ist „der Winsauer“ zur Erfolgsgeschichte geworden, und der Namensgeber hat wichtige Vorarbeit dafür geleistet.

 

Detlef D. Pries

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