Training & Ausrüstung

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Ihr neuer Rudercoach

Lehrfilme über Rudertechnik gibt es viele: mit guten, schlechten, informativen oder unscharfen Bildern – und es gibt diese neue Animation des Ruderweltverbandes World Rowing, der die Grundlagen des Ruderns in 3D-Dimension darstellt.

Bei Technik- und Taktikbesprechungen in anderen Sportarten werden sie schon häufig eingesetzt. Auch aus dem Fernsehen kennt man sie, vor allem wenn Fußballmoderatoren und ihre Experten die Spiele der Champions League analysieren: 3D-Animationen. Die Spielszene hält an, die leibhaftigen Spieler wandeln sich in stilisierte Figuren und die Kamera wechselt Perspektive, verschiebt einzelne Spieler, deckt Fehler und taktische Ungereimtheiten gnadenlos auf. 3D-Animationen ermöglichen einen neuen virtuellen Blick aufs Geschehen und decken auf anschauliche Weise Zusammenhänge auf, die sich sonst nur in Worten ausdrücken lassen.

Was im Fußball Maßstäbe setzt, kann für Rudern nicht falsch sein. Der internationale Ruderverband World Rowing hat gemeinsam mit der Competitive Commission der FISA ein Lehrvideo zu der Grundlagentechnik des richtigen Ruderschlags entwickelt. „Wir haben uns angesehen, welche Mittel andere Sportarten für das technische Coaching verwenden. Das Erschaffen eines Avatar-Modells für die Rudertechnik ist ein nützliches Werkzeug für Trainer und Athleten“, sagt Peter Cookson, Mitglied der FISA-Wettbewerbskommission. Cookson und seine Mitstreiter sind begeistert von dem Potenzial der Animationen. Sie vergleichen sie mit einem Disney-Film oder Animationsspielen und weisen darauf hin, dass es den Betrachtern hilft, sich intensiver mit der Rudertechnik zu beschäftigen.

Der Avatar erlaubt auch Darstellungen, die im wirklichen Leben nicht möglich sind.

„Es lassen sich viele verschiedene Ansichten und Bilder erstellen, was mit einem normalen Video nicht möglich ist“, erklärt Cookson. „Wir können den Avatar aus jedem Winkel, aus jeder Höhe und Entfernung betrachten. Wir können die Bilder verlangsamen, beschleunigen und stoppen, alles in großer Schärfe und Klarheit.“

Sämtliche Bewegungen wurden berechnet

Cookson und sein Team wurden von Zuzana Bahulová unterstützt. Die Tschechin ist nicht nur selbst Ruderin und arbeitet für das Ruderunternehmen New Wave, sie hat auch einen Doktortitel in „Visual Arts“. Gemeinsam mit der Firma Bare Bear Productions erstellte sie den Ruderavatar durch eine Kombination von Simulation und Animation.

„Alle Messungen sind exakt, da wir CAD-Zeichnungen des Bootes und der Ruder angefertigt haben, um die richtigen Verhältnisse zwischen Boot und Ruderer herzustellen zu können“, sagt Cookson. „Damit der Avatar sich realistisch wie ein menschliches Skelett bewegt, mussten wir außerdem unterschiedliche Skelettversionen erstellen, um die Skull-Bewegung angemessen abzubilden.“ Ein Problem dabei: Wenn eine Änderung in der Bewegung des Avatars vorgenommen wurde, führte dies manchmal zu einer Änderung des gesamten Bewegungsablaufes – genau wie beim Training auf dem Wasser. Eine Kleinigkeit in der Ruderbewegung hat Auswirkungen auf die Gesamtbewegung und zeigt sich an ganz anderer Stelle. In diesem Punkt gleichen sich reale und virtuelle Welt.

Was genau bietet die Videopräsentation? In englischer Sprache wird in knapp vier Minuten der komplette Ruderzug beschrieben und demonstriert. Dafür rudert der Avatar in einem Skiff über ein imaginäres Meer und gewährt genauen Blick auf die Rudertechnik. Sie wird  unterteilt in Blattführung und die verschiedenen Phasen des Schlages vom Wasserfassen über Druckphase, hinterer Umkehr und Freilaufphase. Mit animierten Pfeilen werden Richtungen und Winkel angezeigt, für eine genauere Ansicht das Bild angehalten und der Betrachtungswinkel verändert. Das Ganze geschieht absolut mühelos und sieht entspannt aus, so wie es einer optimalen Ruderbewegung entspricht.

Der Avatar entspricht nicht dem DRV-Leitbild

Ob die Bewegungen dabei in allen Teilen exakt sind und der herrschenden Lehrmeinung entsprechen, darf bezweifelt werden. „Dem DRV-Leitbild entspricht die Bewegung jedenfalls nicht vollends“ (siehe Interview König), gibt DRV-Bildungsreferent Andreas König zu bedenken. Mit dieser Kritik steht er sicherlich nicht allein. Selbst in den YouTube-Kommentaren findet sich erste Kritik, was die Winkelgrade der Bewegungen betrifft. Aber darum geht es den Produzenten nicht so sehr. Sie wollen in erster Linie die Grundlagen des Ruderns visualisieren, damit Ruderanfänger eine gute Vorstellung von der richtigen Ruderbewegung erhalten. Und diese Funktion leistet der Avatar allemal, was auch König bestätigt: „Ich finde den Versuch gut, dass Thema Rudertechnik ansprechend aufzubereiten.“

Avatar im Riemenboot

Genau das ist das zentrale Anliegen. Auf dem Handy oder Tablet werden die Basics der Ruderbewegung anschaulich gezeigt und auf die wesentlichen Elemente beschränkt. Die Ruderbewegung mag in einzelnen Teilen nicht optimal sein, aber wer so rudern kann, wird mit dieser Technik auch erfolgreich sein können. Einen Schulenstreit über die richtige Technik wird und will das Avatar nicht lösen können, im Gegenteil: Das Video setzt auf das Prinzip der Vereinfachung. Überall dort, wo Freizeitruderer vom offiziellen Leitbild und dessen Technikanforderungen überfordert werden, ist der Avatar der richtige Coach.

DRV-Sportdirektor Mario Woldt sieht den Avatar dagegen „weniger im Einsatz für das Training in Deutschland“ wohl aber „sehe ich großes Potential für kleinere Nationen. Meiner Meinung nach ist hiermit auch die Grundlage geschaffen, die Ruderbewegung für Apps bzw. Rudern im Rahmen der vorbereitenden Berichterstattung zu den Olympischen Spielen sichtbar und erklärbar zu machen.“

Der Avatar-Coach ist laut Word Rowing erst der erste Schritt. Demnächst soll er auch andere Sprachen lernen, damit er in der Ausbildung flächendeckend eingesetzt werden kann. Sheila Stephens Desbans, Entwicklungsdirektorin bei World Rowing, würde den Avatar auch als Werkzeug nationalen Verbänden zur Verfügung stellen, damit diese ihre eigene spezielle Version erstellen können. Sie sieht das Potenzial, den Avatar in den Entwicklungsländern des Ruderns einzusetzen, wo es meist an geeignetem Lehrmaterial fehlt. Deshalb sollen auch, wenn sich Sponsoren finden, weitere Videos produziert werden: Dann soll der Avatar als Riemenruderer ins Boot des Deutschland-Achters einsteigen.       

Thomas Kosinski

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