Ruderhelden & Historie

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Das Wunder von Mâcon
Vergesst den Achter nicht!

60 Jahre liegt der erste Europameisterschaftssieg des damals neuformierten Deutschland-Achters zurück. Bis dahin  beherrschten die US-Achter (10 Olympiasiege) und die britischen Boote (2 Olympiasiege) die Königsdisziplin des Ruderns. Doch plötzlich fuhren die Deutschen allen davon: 1959 in Mâcon und ein Jahr später bei den Sommerspielen in Rom – jeweils mit mindestens drei Längen Vorsprung! Den Beginn einer Ära würdigt Autor Joseph „Seppl“ Schneider in seinem bereits wenige Wochen nach den Ereignissen erschienenen Artikel in den Clubnachrichten von RC Amicitia Mannheim.

Wer als Deutscher nach Mâcon ging, trug im Stillen eine Hoffnung und einen Wunsch mit sich. Die Hoffnung wurde genährt nach den Vorläufen. Da siegte in dem einen Achterlauf Italien mit seiner bewährten Moto-Guzzi-Mannschaft, und im andern vermochte Deutschland die Russen zu schlagen. (Man sah natürlich auf den ersten Blick, dass die Russen, als die Niederlage unabwendbar war, nicht mehr viel taten, sondern sich für den Hoffnungslauf schonten.) Die Entscheidung würde zwischen Deutschland und Italien liegen.

Seit Jahrzehnten spielte Deutschland im Achter keine Rolle, und Dr. Wülfing, (langjähriger Präsident des Deutschen Ruderverbandes), wurde nicht müde, immer wieder zu mahnen: „Vergesst den Achter nicht! Schaut über die Grenzpfähle eurer Vereine und bildet Renngemeinschaften!“

Der Ruf wurde verstanden

In Mâcon trat die Renngemeinschaft Ditmarsia Kiel/Ratzeburger Ruderclub an. Man wird sie wohl allgemein landläufig als „die Ratzeburger“ bezeichnen, denn diese bilden das Kernelement im Boot. Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass sie nur in kurzen Strecken trainieren, nicht nur, weil sie das so genannte Intervalltraining als richtig erkannt haben, sondern auch, weil sie zu Hause gar nicht anders können; denn ihr See ist nur 1.000 Meter lang. (Anmerkung: Der Autor war ersichtlich nie in Ratzeburg). Es dürfte bekannt sein, dass sie zuerst in Leihbooten Achterrennen fuhren, ohne zu Hause überhaupt solch ein Boot zu besitzen, und dass ihr Trainer ein Boxer ist, zwar ein sehr intelligenter Boxer, sonst wäre er nicht auf den Gedanken gekommen, dass man solch ein Ruderrennen gar nicht gegen einen Gegner zu fahren braucht, sondern nur gegen die Stoppuhr. Er rechnete mit dem Rechenschieber und sagte seinen Leuten: Um den und den Gegner zu schlagen, müsst ihr über 500 Meter diese und diese Zeit fahren. Und in dem Tempo, so wie ihr 500 Meter fahrt, so fahrt ihr auf der Regatta einfach 2000. Das ist alles. Und dies stimmte tatsächlich. Da fahren diese Ruderer in einem wilden Start ab, und sie halten das Tempo durch, und im Endspurt steigern sie noch ein wenig.

Wie war es doch früher bei uns?

Wir machten auch einen wilden Start, aber dann lauerten wir nach dem Gegner und stellten uns auf ihn ein. Wenn der schnell war, dann waren wir immer ein bisschen schneller, nicht so viel schneller, dass wir jetzt drunten am Ziel unbedingt restlos und gänzlich fertig sein mussten. Das hat niemand von uns verlangt, wir brauchten ja nur zu gewinnen. Möglich, dass wir auf diese Weise gar nicht dahinter kamen, was der menschliche Körper überhaupt leisten kann.

Anders augenscheinlich die Ratzeburger Methode, die noch unterstützt wird durch kürzere Innenhebel, breitere Blätter, mehr nach vorn verlegte Rollbahnen, Wegfall des Körperschwungs und Konzentration auf das kleine Stück Kernzug, der mit unerhörter Rasanz erfolgt und das Boot immer wieder antreibt, ihm gar nicht die Zeit lässt zum Ausgleiten. Auf diese Weise kommen 40, 42, 44 Schläge (pro Minute) und mehr über die Strecke zustande.

Aber was für Schläge!

Ich lag einmal mit dem Motorboot auf irgendeiner Regatta ca. 50 Meter vorm Start, unmittelbar neben der Bahn des Kiel-Ratzeburger Achters. Den wollte ich mir aufs Korn nehmen. Aber auf einmal war ich von etwas so gebannt, dass ich gar nicht den ganzen Achter betrachtete, sondern nur einen einzelnen Mann: die Nummer 1, Lenk heißt er. Den hatte ich etwa 15 Schlag lang im Auge, das heißt, auch wieder nicht ihn, sondern sein Blatt, seine Wasserarbeit. Ich war hingerissen. Ich bilde mir ein, früher hin und wieder mit letzter Kraft am Riemen gehangen zu sein und manchmal förmlich mit Untergriff gerudert zu haben, wenn die Kerle da neben dran nicht nachgeben wollten. Aber was dieser Mann da vor meinen Augen tat, fünf, zehn, fünfzehn Schläge lang, das war so, als würde gar nichts anderes von ihm verlangt, als sich über 15 Schlag restlos auszugeben. Ich beobachtete ihn noch lange, und ich glaube, dass er so über die ganze Strecke gezogen hat, und dass so die ganze Mannschaft gewütet hat – 2.000 Meter lang. Solch ein Achter muss ja gewinnen.

Nun, das Rennen stieg. Der Abstand mit der Führung Deutschlands, den der Lautsprecher von Marke zu Marke bekannt gab, war ja schon imponierend, halbe Länge, eine Länge, zwei Längen; aber mehr noch beeindruckte das Tempo, diese tolle Schlagzahl von 40, 42, 44 Schlägen, die das Erstaunen der Tribüne auslöste, erst recht noch, als der Achter klar ins Blickfeld kam, diese hochtourig arbeitende Maschine, ganz allein auf weiter Flur, Längen dahinter, fast als Rennen für sich, die Elite Europas mit Russland, Italien und der Tschechoslowakei im erbitterten Kampf auf gleicher Höhe um den zweiten Platz.

Aber gegen Italien?

Aber sie interessierten zunächst nicht. Man sah nur Deutschland. Von 1.700 Meter an ging es wie ein Ruck durchs Boot, der Endspurt. Ich weiß nicht, was wir schrien, ich weiß nur, dass alles schrie und tobte und sich gegenseitig packte. Das war ja ein Sieg, wie er noch niemals in einem Großen Achter da war, und das war ja ein Sieg auf einer Europameisterschaft, und der Sieger hieß Deutschland! Lange, lange, als das deutsche Boot schon durchs Ziel war und sich zum Drehen anschickte, kam das Feld der Verfolger an, drei Boote in einem dichten Haufen, die Tschechen, die Russen, die Italiener, und weit abgeschlagen der polnische Achter, der doch auch ein Meisterachter seines Landes war, das gar nicht schlecht rudert; aber zwischen ihm und dem deutschen Boot lagen vielleicht sieben Längen, und die Polen brachen im Ziel zusammen und purzelten durcheinander wie die Fliegen, sie hatten doch demnach auch ihr Letztes hergegeben.

Dies also war der große Tag des Ratzeburg-Kiel Achters

Welcher Stolz muss diese neun Mann beseelt haben nach dieser einmaligen Leistung! Welch ein Triumph für die geistige Führung, den Trainer Adam aus Ratzeburg, den Trainer Wiepcke aus Kiel, Menschen, die so gar nichts aus sich machen, dass sie kaum einer kennt!

Ich kann mich nicht erinnern, dass die Studentenruderei in Deutschland jemals Sonderliches geleistet hat. Wenn ich ein wenig boshaft sein will, dann sei die Zeit erwähnt, die ich jahrelang miterlebt habe. Da war zum Beispiel das akademische Rennen um den Kaiserpreis Wilhelms II. in Mainz ein besserer Jux.

Die Ruderer: lauter Studenten

Da kamen zwei, drei Sprengwagen die Strecke herunter, und dem Sieger hätte jeder Juniorvierer mittlerer Güte spielend eins aufs Haupt gegeben. Die Kieler und Ratzeburger haben das Ansehen der rudernden Studenten gewaltig gehoben.

Wenn es mir recht ist, besteht der Ratzeburger Ruderclub seit nicht viel mehr als fünf Jahren (Anmerkung: seit 1953). Er müsste normalerweise in der Ruderei so unbekannt sein, wie es sein Städtchen ist, von dem man kaum eine Vorstellung hat, wo es überhaupt liegt. Die Auffassung, dass große Siege nur auf dem Boden einer geheiligten Tradition und im gesicherten Hort eines Großvereins erwachsen können, ist ganz gründlich erschüttert.

Dass die Kiel-Ratzeburger Erfolge auf einem Boden förmlicher Bedürftigkeit und Bedürfnislosigkeit erwachsen sind, macht sie noch wertvoller, als sie es schon sind. Es ist jetzt eine Aktion ins Leben gerufen worden, die dem Club wenigstens zu Bootsmaterial verhelfen soll, das er für seine kommenden Aufgaben braucht.

Erschüttert ist aber auch noch eine andere These. Es gibt ja im Rudern keine Rekorde, die man nach der Uhr oder mit dem Zollstock messen kann, so dass es schwer zu sagen ist, welcher Einer, welcher Vierer, welcher Achter der unbestritten schnellste ist, der jemals da war. Es gibt Leute, die lassen sich nicht davon abbringen, dass dieser Zweier, dass jener Achter an Schnelligkeit bisher niemals erreicht worden sei noch jemals erreicht würde. Warum eigentlich? In allen Sportarten geht es vorwärts, purzeln die Rekorde, und nur das Rudern soll stehen geblieben sein? Ich bin der Meinung, die Ratzeburger sind schneller als jeder der Großen Achter der Vergangenheit gewesen ist – und dabei kann die in Mâcon gefahrene geradezu phantastische Zeit von 5,51 Minuten durchaus außer Betracht bleiben. Und was für den Achter gilt, trifft vermutlich auf die anderen Bootsgattungen auch zu; beim Achter springt einem diese Folgerung förmlich in die Augen.  

Joseph Schneider

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