Regatta & Wettkampf

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Sind wir noch eine „Rudernation“?

Dreimal Gold und je einmal Silber und Bronze angelten sich die deutschen Ruderer bei der WM in Plovdiv. Die Bilanz: gemischt. Dominanz und Medaillen im Achter und im Doppelvierer der Frauen sowie bei den Leichtgewichten im Einer und den beiden Doppelvierern. Doch im internationalen Vergleich reiht sich Deutschland ein. Die Medaillen werden unter den Nationen immer breiter gestreut und einige Länder holen gewaltig auf.

Zu Beginn ein kurzer Werbeblock: Plovdiv ist eine Reise wert, es gibt kaum eine Ruderstadt im FISA-Jahreskalender, in der Antike und Gegenwart so schön aufeinanderprallen und in der es gleichzeitig so preiswert und attraktiv ist. Nicht zuletzt daher wird die Stadt 2019 – wenn hier der erste Weltcup stattfindet – auch europäische Kulturhauptstadt. Einen Teil der Kultur konnte man aufsaugen, als im historischen Amphitheater die Eröffnungsfeier stattfand, die wundervoll organisiert war. Es wurde gesungen und getanzt, nach der Eröffnungsrede der Honoratioren wurden FISA-Präsident Rolland und seine Kollegen einfach von den Akteuren und Hunderten von Ruderern auf der Bühne in die Mitte genommen und es war eine Riesenparty, die auch große Teile des deutschen Kaders zum Tanzen und Mitfeiern bewegte. Am nächste Tag erst wurde es dann ernst auf dem Wasser, das wegen der vielen teilnehmenden Nationen zum Teil im Training so voller Boote war, dass man fast trockenen Fußes vom einem zum anderen Ufer gelangen konnte.

Um es vorwegzunehmen: Es war eine Weltmeisterschaft, in der der DRV-A-Kader hinter den aus der Weltcup-Saison sicher höheren Erwartungen geblieben ist. Die Recken unter dem Oberkommando von Bundestrainer Ralf Holtmeyer kamen auf der Regattabahn in Plovdiv nicht alle gleichermaßen zurecht. Lediglich in 11 von 29 Disziplinen waren deutsche Boote in den A-Finals vertreten. Das lag natürlich zum einen daran, dass nicht alle Klassen besetzt waren; Insbesondere in den vielen neuen Para-Booten hat der DRV schlicht keine Ruderer, die jene besetzen könnten. Und auch in einigen anderen Klassen gab es keine Meldungen.

Ein Paukenschlag zu Beginn war der Auftritt von Jason Osborne, der im leichten Einer im vierten Rennen der gesamten WM, seinem Vorlauf, direkt eine neue Weltbestzeit ins bulgarische Wasser trommelte. Ungeschlagen erreichte er das Finale und holte Gold – nur Osborne kann derzeit Osborne schlagen. Das galt leider nicht für alle; fünf der neunzehn deutschen Boote mussten in die Hoffnungsläufe.

Gold auch für den leichten Doppelvierer, Joachim Agne, Max Röger, Florian Roller und Moritz Moos ließen sich im Vorlauf nicht überholen und konnten das im Finale erfolgreich wiederholen. Zwei Rennen, vier Goldmedaillen – was will man mehr? Bronze ging auch an Leichtgewichte, in derselben Disziplin bei den Frauen: Fini Sturm, Caroline Meyer, Ladina Meier und Anja Noske rappelten sich nach verpasstem direkten Finaleinzug im Hoffnungslauf noch einmal auf und erreichten als Vierte gerade noch das Finale, um dort auf dem dritten Rang abzuschließen.

„Festgold“ für den Achter

Der Doppelvierer der Frauen in der offenen Klasse holte die nächste Medaille für Deutschland. Nach einer guten Saison mit zwei Weltcupsiegen in Linz und Luzern, als Gesamtsiegerinnen des Weltcups, gingen Marie-Cathérine Arnold, Carlotta Nwajide, Franziska Kampmann und Frieda Hämmerling mit hohen Erwartungen in die WM-Rennen. Durch den deutlichen Vorlaufsieg vor Großbritannien ersparten sie sich den Vorlauf, wurden aber im Halbfinale schon von den Polinnen geschlagen, die das im Finale wiederholen konnten. Silber für die DRV-Auswahl.

Und das dritte, eigentlich fest erwartete Gold nach drei Weltcupsiegen ging an den Männer-Achter, der mit Johannes Weißenfeld, Felix Wimberger, Maximilian Planer, Torben Johannesen, Jakob Schneider, Malte Jakschik, Richard Schmidt, Hannes Ocik und Martin Sauer wieder glänzend unterwegs war. Sieg in Vorlauf und Finale – das Grüne kam als Erste über das Blubbernde, die Ziellinie mit den Bläschen in Plovdiv. Plan erfüllt, Jubel groß, aber was war mit den anderen?

Zugegeben: Es war zeitweise ein Pokerspiel, was Wind und Wellen anging. Die Fairnesskommission der FISA hatte zwischendurch richtig Arbeit, musste Rennen um einen Tag verschieben und das Programm straffen, als das Wasser in den Hoffnungsläufen kaum noch ruderbar war. Und zu den Finals am Abschlusssonntag wurden gleich alle Bahnen umgewürfelt und die Favoriten aus der Mitte in die Bahnen 5 und 6 nahe der Tribüne gesetzt. So blieben den deutschen Booten in den Einern und dem Männer-Doppelzweier die schlechtesten Bahnen 1 und 2. Aber hätten sie es in den unteren besser machen können? Sehr spekulativ – bei den hohen Wellen hatte Oliver Zeidler seine liebe Mühe mit dem Seegang; hier muss er noch Erfahrung sammeln. Seine Weltcup-Medaillen hatte er stets bei ruhigerem Wasser erzielen dürfen, auf dem „Acker“ von Plovdiv kam er nicht klar.

Natürlich haben wir gerade seit dem letzten Jahr im Aufbau zu den olympischen Spielen in Tokio ein sehr junges Nationalteam, aber das haben andere auch. Was ist also los in der Welt des Ruderns und gibt es überhaupt noch die sogenannten „Rudernationen“?

Aufholjagd der internationalen Elite und kleineren Länder

Schauen wir einmal auf die Statistik: Bei der WM in Plovdiv gingen insgesamt 62 Nationen an den Start. 32 Länder erreichten ein Finale, davon errangen nur vier keine Medaille. Damit teilen sich die Medaillen unter 28 Nationen auf, davon 16 verschiedene Goldmedaillen-Gewinner. Das deutete sich seit der WM in Rotterdam 2016 schon an, ist aber in diesem breiten Spektrum doch einzigartig.

Die beste Statistik, was das Verhältnis von Starts zu Medaillen angeht, weist Australien mit einem Verhältnis von 8:7 auf. Wenn die Damen und Herren aus „Downunder“ an den Start gehen, haben sie nicht nur eine endlose Zahl an „Supportern“ dabei, die in Nationalfarben mit aufblasbaren Kängurus die Tribüne zu einem bunten Spektakel machen. Sie sind auch unglaublich erfolgreich, fahren mit ihren Booten immer in vorderster Reihe mit. Vielleicht muss hier einmal geschaut werden, was in der Förderung und Entwicklung im Rudern auf dem fünften Kontinent so gut gemacht wird. Aber man kann noch näher heranzoomen, denn die zweiterfolgreichste Nation in der Beziehung Einsatz/Beute ist Frankreich. Unser Nachbarland brillierte mit 6 Medaillen aus 6 A-Final-Starts. Kaum zu toppen. Die Mannschaft im Zeichen der „Tricolore“ steht, genau wie Deutschland, mit 3 Goldmedaillen in der Liste des Medaillenspiegels und ist nur deshalb einen Platz dahinter auf Rang 4, weil es kein Silber gab.

Davor sind zwei Länder, die ebenfalls immer als „Rudernationen“ gegolten haben, in denen der Sport immer noch erfolgreich betrieben wird, aber diesmal mit noch mehr Medaillen als Deutschland: Die USA belegt mit 10 Medaillen Platz 2, weil Italien (8 Medaillen) mehr Silber hat.

So viel zu den Top-„Rudernationen“ – aber es gibt die große Aufholjagd der früheren Außenseiter. Das liegt natürlich auch am Para-Rudern, denn hier glänzen Einzelruderer oder Doppelzweier, zum Beispiel aus Brasilien, Israel oder Norwegen. Aber eben dieses Norwegen hat mit Kjetil Borch derzeit einen unglaublich starken Einerruderer, der offensichtlich auch mental stark ist und im Finale Ondrej Synek mit neuer WM-Bestzeit bezwingen konnte. Das bescherte neben dem Sieg von Birgit Skarstein im PR1-Einer dem Land die Position 8 im Medaillenranking mit zwei Goldmedaillen. Damit hätte im Vorfeld kaum einer gerechnet.

Auch im Bereich der früheren führenden „Rudernationen“ gibt es deutlichere Rückschläge als den des deutschen Teams zu verzeichnen. Großbritannien und Neuseeland, immer vorne unter den Top 6 der Nationen zu finden, stehen auf einmal dank der großen Leistungsdichte auf den Plätzen 12 (GBR) und 18 (NZL) des Medaillensammelns. Statt 9 Medaillen vor drei Jahren und 7 Medaillen vor einem Jahr brachten die Kiwis 2019 nur noch ganze drei Medaillen heim, da wurde es bei den schwarz gekleideten „All Blacks“ auf der Tribüne stellenweise ganz schön leise. Und den englischen Streckenreportern war die Enttäuschung deutlich anzumerken.

Und dann gibt es immer wieder diese Überraschungen, zum Beispiel den Sieg von Sanita Puspure aus Irland. Klar, die junge Dame ist schon lange gut im Geschäft, hat nach vielen B-Finals in Sarasota erstmalig knapp das Podium verpasst und war in den diesjährigen Weltcups Belgrad und Luzern Zweite. Aber immer hinter Weltmeisterin Jeannine Gmelin aus der Schweiz – nur diesmal nicht. Vom Start weg lief es für sie gut, ob es nur die Bahn war, mag dahingestellt sein, aber Gmelin lag direkt daneben und kam nicht mehr heran.

Gibt es schon Favoriten für Tokio?

Darauf ein klares: „Vielleicht“ … die Ruderwelt rückt zusammen, die „Rudernationen“ müssen sich anschnallen. Denn mit zunehmender Förderung der FISA gibt es immer mehr Nationen, die auf Meisterschaften melden. Im Zeitalter der Globalisierung trainieren dann die Athleten dieser Nationen in den Ländern, wo sie leben, studieren und arbeiten, wo sie bessere Bedingungen vorfinden als daheim. Was sie wiederum für ihr Land erfolgreich macht, weil sie ja nicht unter der Flagge des Gastlandes antreten. Also wird sich der Trend fortsetzen, dass die Streuung der Finalteilnehmer und Medaillen breiter wird.

Auf der anderen Seite gibt es noch ein paar Länder, die einfach aus der Erfahrung und Masse schöpfen können. In punkto Masse natürlich die USA mit ihren unzähligen Möglichkeiten, in den Colleges und Vereinen zu rekrutieren. 18 A-Final-Starts und 10 Medaillen sind eine deutliche Ansage. Italien mit einer wahren Flut von Athleten schon in den Junioren- und auch U23-Jahrgängen, in denen Deutschland mittlerweile verliert, Sieger im Medaillenspiegel im zweiten Jahr hintereinander. Frankreich und Australien haben gute Nachwuchsarbeit und eine große Equipe, sie spielen seit Jahren ganz vorne mit.

Wo gruppiert sich Deutschland ein? Sicher, Ralf Holtmeyer war nicht zufrieden mit dem Ergebnis, einiges hätte man vielleicht besser hinbekommen können, und wir haben allgemein eine Schwäche im Bereich des Riemenruderns der Frauen (kein Zweier, kein Achter war daher in Plovdiv aus Deutschland am Start). Auf der Habenseite steht ein tadellos arbeitender Deutschlandachter der Männer, es gibt einen guten Leichtgewichtsbereich. Aber an dieser Stelle wird es auch gleich wieder heikel, denn in den olympischen Bootsklassen ist nur der leichte Doppelzweier ausgeschrieben; hier kamen beide deutschen Boote in Plovdiv nicht ins A-Finale.

In der kommenden Saison ist der letzte Testlauf vor dem olympischen Jahr angesagt. Im Hinblick darauf werden Holtmeyer und Co. die Mannschaften noch einmal verstärken, umbilden, Trainingslager absolvieren müssen, um sich an die veränderten Bedingungen im internationalen Rudergeschäft anzupassen. In der Wirtschaft heißt das „Benchmarking“ – Orientierung an denen, die es anders machen, besser können, neue Ideen haben. Wenn das klappt, werden wir uns auch fortan keine Sorgen machen müssen, zu den führenden Rudernationen zu zählen.           

Michael Hein

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